Prof. Dr. habil. KARIN PETERS Abteilung für Romanistik der Universität Bonn
Prof. Dr. habil. KARIN PETERS Abteilung für Romanistikder Universität Bonn

Aktuelle Kurse

Sommersemester 2026

 

 

Literarische Männlichkeit im französischen (Populär-)Roman des 19. Jahrhunderts" (Vorlesung)

 

Selten waren die Romane länger als im 19. Jahrhundert. Die Dominanz männlicher Figuren im Text multipliziert sich aber nicht nur aufgrund ihres schieren Umfangs. Beginnend mit der Romantik hat auch das Nachdenken über soziale Männlichkeit eine zentrale Funktion für das Erzählen selbst und scheint doch zu keinem Ergebnis zu führen. Während Romantiker von Senancour, Musset, Chateaubriand und Constant narzisstische Obsessionen ihrer Protagonisten in den Mittelpunkt stellen, werden im Laufe des Jahrhunderts und im Übergang zu Realismus, Naturalismus und Dekadenz die Schattenwürfe dieser romantischen Männlichkeit immer länger: George Sand mokiert sich über das Künstlerverständnis der romantischen Männer, die sie zeitlebens begleiteten, Populärromane von Dumas und Verne treiben ihre Megalomanie lustvoll auf die Spitze und Flaubert macht sie zum satirischen Zerrspiegel seiner Ironie. Während der Naturalismus männliche Gewalt als Triebmaschine entdeckt und den kapitalistischen Aufstiegsdruck zu deren Antrieb erklärt, erobert die literarische Dekadenz eine ‚andere‘, auch weibliche Virilität zwischen etablierten Geschlechterrollen zurück. Die Vorlesung will dieses Panorama anhand kanonischer, aber auch weniger bekannter Texte beleuchten, die alle um die Frage kreisen: Wieso ist nach dem Ende der französischen Revolution und dem Scheitern des Empire mit Napoleon an der Spitze hegemoniale Männlichkeit in Frankreich so in die Krise geraten, dass der bürgerliche Mann und seine marginalisierten und/oder artistischen Antipoden – wenn nicht in der Lebenswelt, so zumindest in der Literatur – immer wie ihre eigene Parodie erscheinen?

 

Crónicas latinoamericanas: Die Kunst der literarischen Reportage (Hauptseminar Spanisch)

 

Die crónica latinoamericana operiert als hybride Gattung zwischen kolonialem Erbe der Gewalt und zeitgenössischem rewriting, zwischen journalistischer Präzision der Zeugenschaft und Fiktion, zwischen der eigenen Stimme und der Stimme der Anderen, die sprechen gemacht wird. Dokumentarische Ziele gehen dabei immer mit ästhetischer Gestaltung und subjektiver Perspektive einher. In diesem Seminar widmen wir uns der historischen Entwicklung von den spanischen Chroniken der Eroberung über die Neuerfindung im Modernismus und den Genretransformationen im 20./21. Jahrhundert, die vor dem Hintergrund neuer Gewalt- und Verelendungserfahrungen ablaufen. So werden wir die Crónica als Schreibform der Moderne und Gegenwart untersuchen, die urbane Räume, soziale Ungleichheiten, Gewalt, Marginalisierungen und Alltagskulturen sichtbar macht. Besonderes Augenmerk gilt der Frage, inwiefern die Crónica als Einspruch gegen (neo-)koloniale Narrative gelesen werden kann und wie sie alternative Formen der Wissensproduktion und Zeugenschaft etabliert. Zu berücksichtigen sein wird aber auch das Risiko, die Repräsentation lateinamerikanischer Lebensrealitäten im deutschsprachigen Diskurs über die kleinen Lesefenster der Crónica neu zu exotisieren – weshalb der Kurs am Ende einen reflexiven Blick auf die zur Anschaffung empfohlene Anthologie wirft, um deren editorisches und pädagogisches Framing – insb. hinsichtlich deren Anwendung im deutschen Schulalltag – zu untersuchen.

 

Im Zentrum stehen Texte kanonischer wie auch zeitgenössischer Autor*innen, die wir im Hinblick auf narrative Strategien, Positionierung des erzählenden Subjekts, Repräsentation marginalisierter Gruppen sowie das Spannungsverhältnis von Fakt und Fiktion analysieren. Ergänzend werden theoretische Ansätze aus Kultur-, Medien- und Literaturwissenschaft herangezogen, um die Crónica im Kontext von Urbanität, Medialität, Geschlecht und Macht zu verorten.

 

Technophantasmen und Gesellschaftsutopien: Die phantastische Reise in der Literatur (Hauptseminar Französisch)

 

Der Ursprung des Erzählens ist seit Beginn der Epik eng mit dem Erzählen von Reisen verbunden, die weit über das im Durchschnitt menschlich Erlebte hinausgehen. Mit der epistemologischen Herausforderung christlicher Weltmodelle nimmt die phantastische Reise dann literarisch noch einmal Fahrt auf: Spätestens seit William Godwin (The Man in the Moone, 1638) ist schließlich das außerplanetarische Reisen zum Phantasma geworden und findet in Frankreich mit Cyrano de Bergerac (Les États et empires de la lune, publ. 1655) schnell einen – wenngleich satirischen – Nachahmer. Die Vorstellung alternativer Gesellschaftsmodelle, Lebensweisen und Wesen auf dem Mond, die der durch Kirche und Staat kontrollierten Welt auf der Erde diametral gegenüberstehen, bildet dabei aber nur einen Fokus. Auch das Reisen selbst, also der Weg, der von der Erde zum Mond überwunden werden muss, wird in phantastischen Reiseerzählungen zum Thema und nimmt in der zunehmend technikfixierten Moderne zusätzlich Fahrt auf. Wir wollen deshalb den frühen Text von Bergerac in Ausschnitten als Vergleichsbasis für zwei Texte diskutieren, die der Verbindung von menschlichem Begehren, moderner Hybris und von Menschen geschaffener Technik gewidmet sind: Jules Vernes De la terre à la lune (1865) und Jean Echenozs Nous trois (1992). Beide erlauben einen dezidiert kritischen Blick auf geopolitischen Größenwahn, männliche Prothesenfixierung und szientistische Glaubenssätze, die seit dem 19. Jhd. bis heute reichen, wo Technophantasmen bekanntlich einen fatalen Pakt mit transhumanistischen Ideologen eingehen.

 

Die günstige Gelegenheit: Eine Erfindung der (spanischen) Frühen Neuzeit (Ringvorlesung)

 

Heute ist die „günstige Gelegenheit“ als Nonplusultra des politisch, diplomatisch oder militärisch klugen oder kühnen Handelns wieder in aller Munde. Es ist also hochaktuell, auf die Ursprünge dieser Vorstellung zu schauen. Insbesondere die von Spanien ausgehende Entwicklung seit dem 16. Jahrhundert zeigt, dass es oft die geopolitischen, konfessionellen oder demographischen Situationen einer praktisch gelebten Gegenwart gewesen sind, die ein neues Verständnis vom Handeln im günstigen Moment auslösen konnten. Okkasionelles Handeln und Handelnkönnen proliferieren in der Folge, anfangend mit den Chroniken der Eroberung des lateinamerikanischen Kontinents, in so unterschiedlichen Lebensbereichen wie dem barocken Theater, der Medizin, der Buchdruck- und Literatenkultur, sowie in der Sprache politischer Souveränität oder diplomatischer Raffinesse. Mit der Vorstellung einer neuen, subjektiv erfahrbaren Dringlichkeit, die sich vom Horizont einer christlich verbürgten Endzeit löst und auf das Hier und Jetzt konzentriert, verändern sich dabei auch gesellschaftlich dominante Zeitvorstellungen und kulturell geprägte Subjektivitätskonzepte. Die europäische Moderne scheint sich und ihr ‚Zeitwissen‘ (A. Landwehr) gar um die Vorstellung der günstigen Gelegenheit herum zu erfinden.

 

Die Ringvorlesung versammelt Vorträge von Forschenden aus Bonn und von anderen Universitäten, die im Rahmen einer Forschungsinitiative zu den Situationen, Praktiken und Medien der günstigen Gelegenheit in der Frühen Neuzeit Perspektiven aus Romanistik, Latinistik, Germanistik, Komparatistik, Geschichtswissenschaft, Kunst- und Medizingeschichte bündelt.

 

Kolloquium für Doktorand*innen und Masterkandidat*innen 

 

Das Kolloquium ist als konstruktiver Raum für Diskussion gedacht, in dem Abschlussarbeiten oder Forschungsprojekte vorgestellt werden. Darüber hinaus einigt sich die Gruppe gemeinsam zu Beginn des Semesters auf eine ausgewählte Reihe theoretischer Texte, die im Rahmen der Blocktermine besprochen werden sollen. Die Oberthemen dieses Semesters lauten: „Literatursoziologie, revisited”, „Ideologiekritik und Literaturwissen-schaft“ und „Hermeneutik der Metapher / Metaphern der Hermeneutik“. 

 

Aktuelle Vorträge:

 

„The sentimental sound of silence: Gertrudis Gómez de Avellaneda’s reading scenes and 19th century negotiations of gendered spaces“, Panel Revisiting Familiar Texts: New Threads in Nineteenth-Century Studies, LASA2026, Paris, Mai 2026

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© Karin Peters