PD Dr. phil. habil. KARIN PETERS Romanisches Seminar der JGU Mainz
PD Dr. phil. habil. KARIN PETERS Romanisches Seminar der JGU Mainz

Aktuelle Kurse

Wintersemester 2022/23

 

 

Tyrannen und Diktatoren in den spanischsprachigen Literaturen (Vorlesung Spanisch)

 

Die Vorlesung will im Durchgang durch mehrere Epochen einen dominanten Topos der hispanischen Literaturen nachzeichnen: die Darstellung von tyrannischen Herrschern. Ob im spanischen Barocktheater, der romantischen Literatur der Unabhängigkeitsbewegungen Lateinamerikas oder dem postmodernen Diktatorenroman, immer wieder wird gewaltbereite Männlichkeit in den Fokus gerückt und damit zur Allegorie eines in Zerfall oder gewaltvoller Gründung begriffenen Gemeinwesens. Wir wollen uns zum einen die kulturellen und politischen Kontexte dieser Texte vergegenwärtigen und zum anderen mit Blick auf neuere Studien der Männlichkeitsforschung die Zeichenqualität von literarischen Tyrannen untersuchen. Wenn etwa Lope de Vega in El castigo sin venganza (1631) den Duque als eifer- und rachsüchtigen Mörder inszeniert und dabei die Frage nach Recht und Gerechtigkeit ähnlich wie in Fuente Ovejuna (1619) in der Aporie enden lässt, ist zu fragen, wie er anhand dessen nicht nur die inhärente Tragik hegemonialer Männlichkeit (R. Connell) hervortreibt, sondern auch ein Bild der ihm zeitgenössischen Habsburgermonarchie und ihrer Rechtspraktiken abgibt. Domingo Faustino Sarmiento wiederum gießt die kulturelle Dichotomie von civilización y barbarie, die dem entstehenden argentinischen Nationalbewusstsein des 19. Jahrhunderts Struktur verleiht, in Facundo (1845) in zwei politisch, ideologisch und körperlich konkurrierende Männer­gestalten. Diktatorenromane wie El Señor Presidente (1946) von Miguel Ángel Asturias, El reino de este mundo (1949) von Alejo Carpentier, Yo el Supremo (1974) von Augusto Roa Bastos oder Tres ataúdes blancos (2010) von Antonio Ungar schließlich wissen nicht nur von der gewaltvollen Geschichte des kolonialisierten Amerika zu berichten, sondern ebenso von der rezenten Epoche der Militärdiktaturen. Diese werden jedoch weniger im Modus des Testimonialen berichtet als in phobische Affektfiguren des Diktators verwandelt und verlangen eine andere Lesehaltung als die von empathischen Zuhörern. Insofern wollen wir immer wieder auf die ästhetische Affektwirkung von Tyrannendarstellungen abheben und sie mit der Frage verknüpfen, wie Literatur allgemein eine Interaktionsbühne in oder jenseits der Politik bieten kann.

 

 

Transformationen des Tragischen: Antike Heldinnen als Affektmodelle (Proseminar Französisch)

 

Der Kunsthistoriker Aby Warburg hat in seiner Theorie der Pathosformel der 'erhabenen Tragik' des gestischen und mimischen Ausdrucks einen starken historischen Index verliehen. Seine Kulturgeschichte des neuzeitlichen Subjekts, das in der Erinnerung an antike Gesten der Leidenschaft christliche Programme sprengt, wollen wir anhand von französischen Dramentexten weiterspinnen. Der Schwerpunkt wird dabei auf der Nachahmung antiker Heldinnen liegen, deren Affekte in Barock, Romantik und Existenzialismus unter jeweils anderen Vorzeichen neu inszeniert werden, um einen Ausfall geltender Ordnungen zu markieren. In der Grenzzone dessen, was innerhalb einer Kulturgrammatik wie der höfischen Kultur des Absolutismus über Liebe und Politik sagbar oder unsäglich ist, stehen das Leiden Medeas bei Pierre Corneille (Médée, 1635) oder der innere Konflikt Phädras bei Jean Racine (Phèdre, 1677). Für die Moderne wiederum wollen wir uns mit dem historischen Bewusstsein der französischen Romantiker auseinandersetzen, das in Zweitem Kaiserreich und Dritter Republik bei Hector Berlioz (Les Troyens, ab 1856/Uraufführung 1890) Niederschlag in der Figur einer melodramatisch – und orientalistisch – transformierten Dido gefunden hat. Während des Zweiten Weltkriegs schließlich widmen sich Jean-Paul Sartre (Les mouches, 1943) und Jean Anouilh (Antigone, 1944) antiken Mythen um Gewalt und Herrschaft, um Grundfragen ihrer eigenen Epoche in figurativen Affektmodellen zu bannen. Die Verbindung von literarischen Texten und theatralen Zeichen zur Ebene der hegemonialen Ordnung der jeweiligen Epoche, einschließlich der darin inbegriffenen Gewaltprozesse zwischen innerer Disziplinierung, Tyrannei, Kolonialgeschichte und Krieg, soll mit Blick auf aktuelle Affekttheorien den Hintergrund für unsere Textarbeit liefern. Dabei werden methodologische Kenntnisse zur Dramenanalyse vertieft. Grundlagen des wissenschaftlichen Arbeitens werden – mit Blick auf die schriftliche Hausarbeit – intensiv besprochen und geübt und der landeskundliche Kontext der jeweiligen Texte in ihrem Entstehungszeitraum mit berücksichtigt.

 

 

Bolaño lesen: 2666 (2004) (Proseminar Spanisch)

 

Roberto Bolaños gefeierter und vieldiskutierter Roman 2666 (2004) ist nicht nur eine Saga das globalisierten 21. Jahrhunderts, eine hegelianische, doppelte Aufhebung von Topoi und Genera der lateinamerikanischen Literatur oder eine Auseinandersetzung mit Geschichte zwischen Erinnern und Vergessen. Er ist vor allem ein Text über das Schreiben, Finden und Lesen von Texten. Insofern wollen wir uns im Seminar der traditionellen Technik des Close Reading widmen und schrittweise durch den Text gehen, um das literarische Paradigma, das er von der lateinamerikanischen Gegenwartsliteratur entwirft, zu verstehen. Dabei werden methodologische Kenntnisse zur Erzähltextanalyse vertieft. Grundlagen des wissenschaftlichen Arbeitens werden – mit Blick auf die schriftliche Hausarbeit – intensiv besprochen und geübt. Der Kurs ist außerdem so strukturiert, dass gemeinsam mit der Dozentin für Einzelabschnitte des Textes Methoden und Theorien gesucht werden, die beim Verständnis dienlich sein können, anstatt einem vorgegebenen Plan zu folgen. Interesse an Literaturtheorien, die Sie bereits in anderen Formaten kennengelernt haben, sowie eine intensive Textlektüre VOR Beginn des Semesters ist deshalb, auch wegen der Länge des Romans, unabdingbar.

 

 

Einführung in die spanische Literaturwissenschaft

 

Das Proseminar bietet eine Einführung in die theoretischen und methodischen Grundlagen der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Literatur. Anhand ausgewählter Texte verschiedener Epochen und Strömungen der spanischsprachigen Literaturen Spaniens und Hispanoamerikas werden unterschiedliche Verfahren der Analyse lyrischer, dramatischer und narrativer Texte erprobt und eingeübt. Unverzichtbare Basis der Textanalysen sind die Betrachtungsmodelle der Hermeneutik und der Semiotik. Darüber hinaus sollen Ansätze der neueren Literaturtheorie (Strukturalismus vs. Poststrukturalismus, Dekonstruktion, Psychoanalyse und Diskurstheorie) Anwendung finden. Besonderes Augenmerk richtet sich in diesem Zusammenhang auf die Beschreibungskonzepte Intertextualität, Intermedialität sowie Interkulturalität, die den literarischen Text als signifikante Praxis eines komplexen 'Zwischen' von Zeichensystemen und Diskursstrukturen ausweisen.

Aktuelle Vorträge:

 

"Literatur ist keine Limonade. Lyrische Subjektivität bei Francis Ponge, Garcilaso de la Vega und Federico García Lorca"

 

JGU Mainz

15. Juli 2022, 16 Uhr (Fakultätssaal Philosophicum)

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