Wintersemester 2026/27
Literarische Männlichkeit im französischen (Populär-)Roman des 19. Jahrhunderts" (Vorlesung)
Selten waren die Romane länger als im 19. Jahrhundert. Die Dominanz männlicher Figuren im Text multipliziert sich aber nicht nur aufgrund ihres schieren Umfangs. Beginnend mit der Romantik hat auch das Nachdenken über soziale Männlichkeit eine zentrale Funktion für das Erzählen selbst und scheint doch zu keinem Ergebnis zu führen. Während Romantiker von Senancour, Musset, Chateaubriand und Constant narzisstische Obsessionen ihrer Protagonisten in den Mittelpunkt stellen, werden im Laufe des Jahrhunderts und im Übergang zu Realismus, Naturalismus und Dekadenz die Schattenwürfe dieser romantischen Männlichkeit immer länger: George Sand mokiert sich über das Künstlerverständnis der romantischen Männer, die sie zeitlebens begleiteten, Populärromane von Dumas, Sue und Verne treiben ihre Megalomanie lustvoll auf die Spitze, Hugo entkommt ihren Fallstricken nicht, wenn es um die Identifikation mit der weiblich konnotierten Republik geht, und Flaubert macht sie zum satirischen Zerrspiegel seiner Ironie. Während der Naturalismus männliche Gewalt als Triebmaschine entdeckt und den kapitalistischen Aufstiegsdruck zu deren Antrieb erklärt, erobert die literarische Dekadenz eine ‚andere‘, auch weibliche Virilität zwischen etablierten Geschlechterrollen zurück.
Die Vorlesung will dieses Panorama anhand kanonischer, aber auch weniger bekannter Texte beleuchten, die alle um die Frage kreisen: Wieso wird nach dem Ende der französischen Revolution und dem Scheitern des Empire mit Napoleon an der Spitze literarisch inszenierte soziale Männlichkeit zum dominanten Zeichen einer Krise, so dass der bürgerliche Mann und seine marginalisierten und/oder artistischen Antipoden – wenn nicht in der Lebenswelt, so zumindest in der Literatur – immer wie ihre eigene Parodie erscheinen?
Glücksritter auf der Bühne: Zu Fortuna und Occasio im spanischen Barocktheater(Masterseminar Spanisch)
Heute ist die ‚günstige Gelegenheit‘ als Nonplusultra des politisch, diplomatisch oder militärisch klugen oder kühnen Handelns wieder in aller Munde. Es ist also hochaktuell, auf die Ursprünge dieser Vorstellung zu schauen. Insbesondere die von Spanien ausgehende Entwicklung seit dem 16. Jahrhundert zeigt, dass es oft die geopolitischen, konfessionellen oder demographischen Situationen einer praktisch gelebten Gegenwart gewesen sind, die ein neues Verständnis vom Handeln im günstigen Moment auslösen konnten. Die Idee eines okkasionellen Handelnkönnens proliferiert in der Folge und löst frühere Vorstellungen des Schicksals ab, angefangen mit den Chroniken der Eroberung des lateinamerikanischen Kontinents. Mit der Vorstellung einer neuen, subjektiv erfahrbaren Dringlichkeit, die sich vom Horizont einer christlich verbürgten Endzeit löst und auf das Hier und Jetzt konzentriert, verändern sich dabei auch gesellschaftlich dominante Zeitvorstellungen und kulturell geprägte Subjektivitätskonzepte. Die europäische Moderne scheint sich und ihr „Zeitwissen“ (Landwehr) gar um die Vorstellung der günstigen Gelegenheit herum zu erfinden.
Im Seminar wollen wir diese These anhand von drei Beispielen des spanischen Barocktheaters überprüfen: In Armelina (publ. 1567) von Lope de Rueda wird der Mittelmeerraum zum okkasionellen Spielraum von Identitätsverlust und -wechsel, in El perro del hortelano (1618) von Lope de Vega spielt der gracioso die Rolle eines Regisseurs, der Fortuna im Namen seines Herren die Fäden des Schicksals aus der Hand nimmt, in La prudencia en la mujer (1621–23) von Tirso de Molina erweist sich die politische Handlungsklugheit einer weiblichen Regentin als richtungsweisend für ein ganzes Königreich und in El Burlador de Sevilla (1630) präsentiert sich Don Juan als größter Glücksritter der Epoche, wenn er reihenweise gegen die patriarchale Ordnung verstößt, um das eigene Schicksal aufzuschieben.
Sehnsucht nach Italien? Kulturrevanchismus in der französischen Romantik (Masterseminar Französisch)
Nicht nur das deutsche Nachkriegsdeutschland, auch die französische Romantik hatte ein ausgeprägtes Faible für Italien: Die italienische Renaissance wurde als zweite Wiege der europäischen Kultur verklärt, die italienischen Landschaften als moderner Sehnsuchtsort abseits des sich industrialisierenden Frankreichs entdeckt und die italienische Lebensart exotisiert. Dabei hebt schon der Historiker Jules Michelet (Histoire de France, t. VII) hervor, dass der Italienfeldzug Karls VIII. im 15. Jhd. den Franzosen die italienische Halbinsel zu entdecken gab wie Kolumbus den spanischen Konquistadoren die ‚neue‘ Welt – und ihnen gehörig den Kopf verdrehte. Diese territoriale Ausdehnung nach Süden war begleitet vom politischen und militärischen Ringen um die Hegemonie in Europa und ging zuletzt zugunsten des Erzrivalen Spanien und der Habsburger aus. Italien steht nicht nur deshalb für das vorläufige Ende eines imperialistischen Traums. Noch Ende des 18. Jhds. macht sich ein junger Heerführer namens Napoleon Bonaparte gerade bei seinen Italienfeldzügen einen Namen, der durch ganz Europa fegt. Seit dem 16. Jhd. befindet sich darüber hinaus auch die Kultur und Literatur Frankreichs in andauernder mimetischer Rivalität mit den Nachbarn, da Italien als Gründungsraum der Renaissance eine ästhetische Vorbildlichkeit verkörperte, die man in Frankreich seit der Pléiade nachzuahmen suchte. Die französische Sehnsucht nach Italien ist also nie unschuldig.
Anfang des 19. Jhds. bekommt dies einen neuen Anstrich, wenn nach der Niederlage Napoleons bei Waterloo und im Zeitalter der Restauration die kulturelle Überlegenheit Italiens in einer „Kultur der Niederlage“ (Schivelbusch) mit einem Ressentiment verbunden wird, das einer anderen Logik gehorcht als der Revanchismus gegenüber Preußen und Deutschland. Territoriale, militärische und kulturelle Rivalität wird dabei rhetorisch immer wieder vorläufig unter der Idealisierung Italiens begraben. Diese Struktur wollen wir im Seminar als kulturelle Rhetorik und „Cryptonymie“ (Abraham / Torok) anhand einzelner Texte der französischen Romantik in den Blick nehmen: Reisebeschreibungen von Stendhal (1817) und Paul de Musset (1856), ausgewählter Gedichte des weitaus berühmteren Bruders Alfred de Musset (1830) sowie Victor Hugos Theaterstück Lucrèce Borgia (1833), in dem französisches Ressentiment in der Gegenüberstellung von hegemonialer, französisch konnotierter Männlichkeit und monströser italienischer Weiblichkeit zur Darstellung kommt.
Juan de Mena – Laberinto de Fortuna (Übung Altspanisch)
„Laberinto de Fortuna“ (1444) oder: Las treszientas von Juan de Mena ist eines der berühmtesten spanischen Versepen des arte mayor, Vision, Sozialsatire, Herrscherlob und exemplarisch für die mittelalterliche Weltsicht, in der Menschen vom Rad des Schicksals kontrolliert werden. Der Text implodiert jedoch mittelalterliche Temporalität in einer Vervielfältigung der Schicksalsräder der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft im gleichen Atemzug, in dem er mit seinem Helden Álvaro de Luna eine heroische Nationalidentität vor dem Hintergrund der Reconquista entwerfen will. Wenn dieser bei Mena im wilden Ritt die Göttin Fortuna dominiert, wird er zum Vorläufer einer machiavellistischen Vorstellung frühneuzeitlicher Subjektivität, in der sich weltliche Tugend an der Fähigkeit erweist, das Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Im Kurs wollen wir diese Heldenkonstruktion des Textes deshalb im Verbund mit seiner allegorischen Zeichenwelt nicht nur als Nachahmung Dantes, sondern als spezifisch kastilische Spielart der Vision analysieren, die vor dem kulturellen und politischen Hintergrund des 15. Jhds. deutbar wird.
Oberseminar für Doktorand*innen und Masterkandidat*innen
Das Oberseminar ist als konstruktiver Raum für Diskussion gedacht, in dem Abschlussarbeiten oder Forschungsprojekte vorgestellt werden. Darüber hinaus einigt sich die Gruppe gemeinsam zu Beginn des Semesters auf eine ausgewählte Reihe theoretischer Texte, die im Rahmen der Blocktermine besprochen werden sollen. Das Oberthemen dieses Semesters lautet „Wiederlesen“.