Prof. Dr. habil. KARIN PETERS Abteilung für Romanistik der Universität Bonn
Prof. Dr. habil. KARIN PETERS Abteilung für Romanistikder Universität Bonn

Aktuelle Kurse

Sommersemester 2024

 

 

Der lateinamerikanische Diktatorenroman (Vorlesung Spanisch)

 

Die Vorlesung bietet im Durchgang durch mehrere Epochen eine vertiefende Überblicksdarstellung der vielleicht berühmtesten Gattung der hispanoamerikanischen Literaturen: des Diktatorenromans. Ob in der romantischen Literatur der Unabhängigkeitsbewegungen oder der postmodernen Prosa, immer wieder wird in diesen Texten gewaltbereite Männlichkeit in den Fokus gerückt und damit zur Allegorie eines in Zerfall oder gewaltvoller Gründung begriffenen Gemeinwesens. Wir wollen uns zum einen die kulturellen und politischen Kontexte dieser Texte vergegenwärtigen und zum anderen mit Blick auf neuere Studien der Männlichkeitsforschung die Zeichenqualität von literarischen Tyrannen untersuchen. Domingo Faustino Sarmiento etwa gießt die kulturelle Dichotomie von civilización y barbarie, die dem entstehenden argentinischen Nationalbewusstsein des 19. Jahrhunderts Struktur verleiht, in Facundo (1845) in zwei politisch, ideologisch und körperlich konkurrierende Männergestalten. Diktatorenromane des sogenannten Boom wie El Señor Presidente (1946) von Miguel Ángel Asturias, El reino de este mundo (1949) von Alejo Carpentier oder Yo el Supremo (1974) von Augusto Roa Bastos wiederum wissen nicht nur von der gewaltvollen Geschichte des kolonialisierten Amerika zu berichten, sondern ebenso von der rezenten Epoche der Militärdiktaturen. Die Gegenwartsliteratur Lateinamerikas schließlich ist als Teil kultureller Erinnerung an diese Phase der lateinamerikanischen Geschichte zu betrachten, muss aber nicht nur die Frage beantworten, wie und warum Gewalterzählungen einen ästhetischen Schrecken zur Verfügung stellen, sondern setzen sich auch mit heutigen Herrschafts- und Unterdrückungsformen auseinander. Diese werden nicht ausschließlich im Modus des Testimonialen berichtet. Diktatorenromane und ihre jüngeren Ableger in Film und Literatur verwandeln diese in phobische Affektfiguren des Diktators und verlangen deshalb auch eine andere Lesehaltung als die von empathischen Zuhörern. Insofern wollen wir immer wieder auf die ästhetische Affektwirkung von Tyrannendarstellungen abheben und sie mit der Frage verknüpfen, wie Literatur allgemein eine Interaktionsbühne in oder jenseits der Politik bieten kann.

 

 

La décima musa: Sor Juana Inés de la Cruz (Hauptseminar Spanisch)

 

Im Vizekönigreich Neuspanien (dem heutigen Mexiko) ist die hochbegabte und gefeierte Hofdame Juana ein Skandalon, denn nicht nur ist sie schon in jungen Jahren überaus gebildet und selbstbewusst, sondern sie wird schließlich, um der Ehe zu entgehen und weiter intellektuelle Studien betreiben zu können, ins Kloster eintreten und bis zu ihrem Tod als Sor Juana Inés de la Cruz (1651-1695) von sich reden machen. Aus dem Kloster heraus verfasst sie glühende petrarkistische – und lesbische – Gedichte an die Vizekönigin, komplexe philosophische – und überaus moderne – Lyrik (Primero Sueño) und ein auto sacramental ‚auf Amerikanisch‘ (El divino narciso). Sie gilt somit als wichtigste Vertreterin des Barock in der ‚neuen‘ Welt und Geburtshelferin eines entstehenden kreolischen Selbstbewusstseins. In El divino narciso verbindet sie christliche Heilslehre mit aztekischer Tradition und führt die Mimikry des amerikanischen am europäischen Diskurs vor. In Los empeños de una casa entblößt sie die Zwänge und Künstlichkeit von sozialen Geschlechterrollen. Im Primero Sueño erweitert sie theologisch abgesichertes Wissen über die Welt mit früher Naturwissenschaft und schließt den amerikanischen Kontinent an die europäische Welt des Wissens an. Mit der Respuesta a Sor Filomena verfasst sie eines der ersten feministischen Traktate. In ihren Gedichten schließlich entgrenzt sie den männlich dominierten Petrarkismus der ‚alten‘ Welt um einen frechen Gender trouble, der zum Besten gehört, was die frühneuzeitliche Aemulatio-Poetik des Petrarkismus hervorgebracht hat.

 

 

Romantische Männlichkeit (Hauptseminar Französisch)

 

Immer wieder wird in den Feuilletons unserer Gegenwart von einer „Krise der Männlichkeit“ gesprochen. Doch eigentlich erfunden hat diese Krise die literarische Romantik. Insbesondere die französische Literatur des 19. Jahrhunderts wimmelt von leidbesessenen, egozentrischen, entscheidungsschwachen bis apathischen, gefühlskranken, melancholischen oder schlichtweg gelangweilten Männern. Das berühmte mal du siècle, das diesem ennui zugrunde liegt, ist mit den politischen Krisen der Epoche, den gescheiterten Revolutionen und Hoffnungen (zum Beispiel auf den starken Mann Napoleon) ebenso verbunden wie mit einer neuen Kultur subjektiver Introspektion und (anti-)bürgerlicher Liebe. In der Literatur entsteht daraus die gattungsbildende Koppelung von autofiktionalen Künstler- und Briefromanen mit den Selbstdarstellungen romantischer Autoren in ihrer identitätsbestimmenden und problembehafteten Männlichkeit. Dass damit zugleich ein stolzer Gestus der Selbstermächtigung künstlerischer Autorschaft einhergeht, ist leicht zu verstehen, wenn man bedenkt, dass wir der Romantik zugleich den Mythos des (männlichen) Dichterpropheten und inspirierten Genies verdanken.

 

Im Seminar wollen wir uns dieser diskursbildenden Konstellation zunächst anhand von kurzen Ausschnitten einzelner Texte nähern, die eine Art diachrone Typologie romantischer Männlichkeit ergeben (Bernardin de Saint-Pierre: Paul et Virginie [1788], Chateaubriand: René [1802], Musset: La Confession d’un enfant du siècle [1836], Flaubert: L’Éducation sentimentale [1869]). Anschließend betrachten wir in intensivem Close Reading und unter Berücksichtigung literatur- und kulturwissenschaftlicher Theorien drei Romane und Männerfiguren genauer: Adolphe im gleichnamigen Roman von Benjamin Constant (1816), der mehr aus Kalkül oder Erinnerung, v.a. aber gegen den eigenen Willen liebt und damit eine ältere Frau ins Unglück stürzt, Stendhals Octave im Roman Armance (1827), dessen Mutterkomplex und Impotenz ihn den Selbstmord der glücklichen Ehe vorziehen lassen, sowie eine Darstellung romantischer Männlichkeit aus weiblicher Feder, George Sands Elle et Lui (1859), ein Roman, der als Dokument von und Reflex auf ihre tumultuöse Liebesbeziehung mit dem so genialen wie vergnügungssüchtigen Musset gelesen wird.

 

 

(Re-)Imaginar la España vacía (Ringvorlesung Kulturstudien Spanisch)

 

Spanien ist, so die These von Sergio del Molino in seinem Essay La España vacía. Viaje por un país que nunca fue (2016), seit jeher eine Kultur der Städte gewesen, sowohl auf der iberischen Halbinsel als auch in der Neuen Welt. Das Land jenseits der Städte ist somit das kulturwissenschaftlich gedachte leere Andere der Kultur. In der Tat ist das ländliche Spanien schon seit dem Mittelalter Imaginationsfläche und Fluchtort, wenn es nach dem Topos des antiken beatus ille als Ziel der Stadtflucht zivilisationsmüder Städter verklärt wurde. In der Literatur wiederum boten die Gattungen der Bukolik und Idylle den entsprechenden Rahmen, um dieser alabanza de aldea Raum zu geben.

 

Im spätkapitalistischen und durch ökonomische und politische Krisen gebeutelten 21. Jahrhundert jedoch ist diese Idealisierung scheinbar einer dysphorischen literarischen und cineastischen Darstellung des ländlichen, ‚leeren‘ Spanien gewichen. Dort werden die fatalen Folgen von Globalisierung, Generationenkonflikt und Wirtschaftskrise besonders sichtbar. Dies spiegeln auch die Werke jener jungen Generation von Schriftsteller:innen und Filmemacher:innen, die der Generación Cero zugerechnet werden können und teils mit den Indignados auf die Straße gingen, weil sie sich durch eine zusehende Prekarisierung bedroht sahen.

 

Wir wollen uns im Rahmen der Ringvorlesung, die von Lehrenden der Bonner Romanistik gemeinsam mit Gästen von der Partneruniversität León und weiteren deutschen und internationalen Universitäten angeboten wird, der Kontinuität topographischer Imaginationen des leeren oder vielmehr entleerten Spaniens aus unterschiedlichen Perspektiven widmen: kulturanthropologischen, historischen, kulturvergleichenden, literatur- und filmwissenschaftlichen, linguistischen und kulturgeographischen. Mit Blick auf die Vorgeschichte des heutigen Topos werden Vorträge gehalten zum Don Quijote, dem spanischen Realisten Galdós und zu Julio Llamazares, ergänzt durch intensives Close Reading ausgewählter Gegenwartsromane, welche versuchen, die ‚Leere‘ des ländlichen Spanien als mehr (oder minder) tragische Konstante eines in sich gespaltenen Spanien poetisch zu fassen – und der Leere so auch immer eine Fülle der Bilder und Worte entgegenzustellen.

 

Die Unterrichtssprache ist Spanisch.

Aktuelle Vorträge:

 

"La topographie méditerranéenne et européenne de l'empire des Habsbourg dans la poésie de Garcilaso de la Vega (XVIe siècle)"

 

Tagung Écrire l'histoire de la littérature européenne (St Andrews)

4.-5. Juni 2024

 

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"Making faces: Komische Kasuistiken bei Marivaux und Stromae" (Universität Innsbruck)

7. Juni 2024

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