Dr. phil. KARIN PETERS Romanisches Seminar der JGU Mainz
Dr. phil. KARIN PETERS Romanisches Seminar der JGU Mainz

Aktuelle Kurse

Sommersemester 2022

 

 

Bewegungspoetik: Maschine, Mensch, Transport in französischen Erzähltexten (Proseminar Französisch)

 

Seit jeher hat sich der moderne Mensch seine Welt mit der Hilfe von Maschinen erobert, die seine Reichweite, Geschwindigkeit und Wahrnehmung vergrößern. Allerdings ist ein Transportmedium immer mehr als nur Mittel zum Zweck: Als Interaktionsmedium für Raum, Zeit, Dinge und den Menschen ist es ein privilegierter Ort für anthropologische oder alltagssoziologische Betrachtungen. Wer in der Eisenbahn oder Metro für eine gewisse Zeit gemeinsam reist, bildet eine Schicksalsgemeinschaft und kann als Metonymie der ganzen Gesellschaft verstanden werden. Die temporäre Unausweichlichkeit des Zusammenseins wiederum mag sich in klaustrophobischen Gewaltszenarien entladen und zur Metapher einer Epoche werden. Nicht umsonst spricht W. Schivelbusch in seiner Geschichte der Eisenbahnreise (1977) von der modernen Geschichte als Verstoßung des Menschen aus dem Reich der Natur in das Reich der Maschinen. Ihm zufolge markiert die Eisenbahn als Fortbewegungsmittel der Moderne eine zentrale Schwelle der Industrialisierung und zugleich den Bruch mit einem alten Menschenbild.

Wir wollen im Seminar diese These anhand von drei sehr unterschiedlichen Romanen überprüfen: So zeichnet Jules Verne in Le Tour du monde en quatre-vingts jours (1873) noch ein durchaus fortschrittsoptimistisches Bild vom bewegten Menschen, während Émile Zola in La Bête humaine (1890) das französische Jahrhundertende nach der nationalen Katastrophe des Deutsch-Französischen Krieges in die dunklen Töne des Naturalismus taucht und die groteske Beziehung eines Lokführers zu seiner Lok für die gewaltbereite Perversion der Kriegsgeneration sinnbildlich macht. Rachid Boudjedra wiederum übt in Topographie idéale pour une aggression caractérisée (1975) postmoderne Kritik an der französischen Mehrheitsgesellschaft, indem er mit der bürgerlichen Perspektive auf das Reisen vollends bricht: Bei ihm ist es ein gesellschaftlich ausgestoßener Einwanderer, der in der Pariser Metro ‚unter die Räder‘ kommt. Das Verhältnis zwischen Mensch, Maschine und Bewegung, das diese Romane jeweils ins Zentrum stellen, wird uns im Seminar als Leitfaden dienen, um die ästhetische Entwicklung der Erzählliteratur des 19. Jahrhunderts hin zur Postmoderne zu konturieren und zugleich das soziale Imaginäre der Literatur über das Reisen zu ergründen. 

Dabei werden methodologische Kenntnisse zur Erzähltextanalyse vertieft. Grundlagen des wissenschaftlichen Arbeitens werden – mit Blick auf die schriftliche Hausarbeit – intensiv besprochen und geübt. Gleichzeitig untermauern landeskundliche Kurzreferate das geschichtliche Wissen über Frankreich.

 

 

 

Die Erfindung Spaniens bei Lope de Vega (Proseminar Spanisch)

 

Der Historiker H. Kamen hat eine Reihe nationaler Mythen untersucht und dabei unter dem Lemma der „Erfindung“ deren Funktion im kulturellen Imaginären der iberischen Halbinsel herausgearbeitet (La invención de España. Leyendas e ilusiones que han construido la realidad española, 2020). Seine Grundthese einer mythischen Verfasstheit nationaler Identität – und ihrer Fiktionalität – wollen wir im Seminar anhand der Epoche des spanischen Barock und am Beispiel von Lope de Vega überprüfen. Dabei soll es nicht darum gehen, die Literatur des Barock als williges Zahnrad im ideologischen Getriebe der Macht zu bezeichnen, sondern vielmehr ihre gleichzeitige „Ein- und Ausbettung“ (R. Warning) in zeitgenössische Diskurse zu betrachten. Insbesondere Lope ist von der Forschung zu Unrecht immer wieder auf die Seite der Herrschaft gestellt worden. Dabei zeigen seine Geschichtsdramen einen durchaus differenzierten Blick auf den Ursprung der kastilischen Monarchie (El rey don Pedro en Madrid, ca. 1612), die Katholischen Könige (Fuente Ovejuna, 1619) oder die Eroberung Lateinamerikas (El nuevo mundo descubierto por Cristóbal Colón, 1598-1603). Auch in anderen Gattungen wie Romance, Novelle und Roman gibt er kein glattes Spiegelbild nationaler Geschichte zum Besten (Romancero morisco, ca. 1585-1589; Las fortunas de Diana, 1621; El peregrino en su patria, 1604). Diesem getrübten Spiegel eines erfundenen Spanien wollen wir gemeinsam auf die Spur kommen.

Dabei werden methodologische Kenntnisse zur Lyrik-, Erzähltext- und Dramenanalyse vertieft. Grundlagen des wissenschaftlichen Arbeitens werden – mit Blick auf die schriftliche Hausarbeit – intensiv besprochen und geübt. Gleichzeitig untermauern landeskundliche Kurzreferate das geschichtliche Wissen über Spanien.

Aktuelle Vorträge:

 

"Die unübersetzbare Revolte: Jorge de Montemayors Felismena (La Diana) und ihre europäische Rezeption"

 

Carl von Ossietzky Universität Oldenburg

23. Juni 2022

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