Aktuelle Seminare

Cervantes und die Poetik der kleinen Form: Entremeses (1615) (Proseminar)

 

Die kurzen Einakter von Cervantes setzen figurentypologisch eine ähnliche ejemplaridad wie seine Novellen in Szene, spielen mit ähnlicher sozialkritischer Komik wie der Don Quijote und ziehen doch aus der Kürze ihrer Form einen ganz eigenen poetischen Mehrwert. Denn in den Entremeses (1615) bleibt die momentane Transgression hegemonialer Normen tendenziell flüchtig und damit un(an)greifbarer, komisch enthebbar. Die Poetik der kleinen Form neigt zum Unabgeschlossenen, ja Offenen, und stellt doch pointiert die Fallstricke der frühkapitalistischen Gesellschaft, der politischen Theologie und des religiösen Dogmatismus aus. Die volkstümlich anmutenden, unterhaltsamen Einakter feiern in einer Epoche der immer wieder inszenierten heroischen Tragik auf der Bühne marginalisierte, nachgerade karnevaleske Figuren und entblößen so nicht zuletzt die soziale Maskerade der Barockgesellschaft. Wir wollen deshalb beides – Spiel und Ernst dieser kurzen Form – auch als Symptom einer von hehren Idealen enttäuschten Zeit im Zeichen des desengaño lesen, der die Vision eines imperialen Mythos der heroischen und homogenen spanischen Nation angesichts zahlreicher politischer, konfessioneller und ökonomischer Krisen zersprungen ist.

Im Seminar werden wir anhand der Stücke methodologische Kenntnisse zur Dramenanalyse vertiefen. Grundlagen des wissenschaftlichen Arbeitens werden – mit Blick auf die schriftliche Hausarbeit – intensiv besprochen und geübt.

 

Vom fantastischen zum realistischen Erzählen: Novellen von Gautier und Maupassant (Proseminar)

 

Obwohl die Begriffe „Phantastik“ und „Phantasma“ auf den ersten Blick untrennbar anmuten, bescheinigt Fredric Jameson auch dem realistischen Erzählen in Frankreich einen stark phantasmatischen Charakter. Dies ist vor allem der historischen und gesellschaftlichen Situation geschuldet, da sich das lange 19. Jahrhundert von den Nachwehen der Französischen Revolution über die politischen Restaurations- und Revolutionsbestrebungen hin zum Desaster des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71 immer wieder am Legat des Ancien Régime in der neuen bürgerlichen Gesellschaft und damit an den zerrütteten Grundfesten eines demokratischen Gesellschaftsvertrags abarbeitet. Dies mündet nicht nur in literarischen Wunscherfüllungen, sondern auch in einer Destabilisierung von Erzählperspektiven und zunehmenden Psychologisierung von (teils stark pathologisierten) Subjekten. Insbesondere die Novellen von Gautier und Maupassant zeigen, wie formale Risse und Kontinuitäten zwischen Phantastik und Realismus als literarische Arbeit am politischen Imaginären gelesen werden können.

 

Im Seminar werden wir anhand ausgewählter Novellen beider Autoren methodologische Kenntnisse zur Erzähltextanalyse vertiefen sowie Theorien zu Phantastik (Todorov, Lachmann, Durst etc.) und Realismus (Auerbach, Barthes, Jameson etc.) gemeinsam erschließen. Grundlagen des wissenschaftlichen Arbeitens werden – mit Blick auf die schriftliche Hausarbeit – intensiv besprochen und geübt.