Aktuelle Seminare

Federico García Lorca: Poeta en Nueva York (1929-30) (Proseminar)

 

Was ist Lyrik? Wie lesen wir Lyrik? Wie interpretieren wir sie? Und was macht sie mit uns? Anhand von Lorcas surrealistischer Gedichtsammlung Poeta en Nueva York, entstanden während eines USA-Aufenthaltes 1929-30, wollen wir unterschiedliche methodologische Zugriffe auf die Lyrikanalyse erproben: strukturalistische, hermeneutische, philologische, kulturwissenschaftliche, psychoanalytische und praktische. Dabei steht die Frage im Mittelpunkt, wie Lorca das moderne Subjekt der Großstadt zwischen Kapitalismuskritik und Alteritätskitsch als ein zersplittertes und hysterisches entwickelt. Zwischen Raum, Sprache und Subjekt, zwischen alter und neuer Welt eröffnet sich so ein halluzinatorisches Fenster für eine neue Solidargemeinschaft der Ausgestoßenen.

 

Im Seminar werden wir anhand der genannten Textsammlung einen Einblick in das lyrische Werk Lorcas gewinnen und die methodologischen Kenntnisse zur Lyrikanalyse vertiefen. Grundlagen des wissenschaftlichen Arbeitens werden – mit Blick auf die schriftliche Hausarbeit – intensiv besprochen und geübt. Darüber hinaus bietet die detaillierte Auseinandersetzung mit lyrischen Texten die Möglichkeit, Probeübersetzungen und eigene Variationen von Lorcas Texten anzufertigen, um das affizierende Potenzial von Literatur jenseits der analytischen Lesehaltung zu erfahren (vgl. Felski 2015).

 

Wa(h)re Liebe? Eros und Sozialkritik bei Marivaux (Proseminar)

 

Das Theater von Marivaux mischt nicht nur Gattungselemente von Tragödie und Komödie, Elemente des Volkstheaters und der Salonkultur, sondern auch Figuren unterschiedlichen Standes, die während der karnevalesken Zeit der Ausnahme, die die Dramenhandlung strukturiert, in Liebe, so scheint es, zueinander finden. Auch wenn zuletzt die Standesgrenzen im Zuge mit der gesellschaftlichen Ordnung bestätigt werden oder der Standesunterschied sich wie in Le jeu de l’amour et du hasard als doppeltes Verkleidungsspiel entpuppt, so dient doch das theatrale Spiel als kurzzeitige Suspension der gesellschaftlichen Regeln, während derer sich Herren als Diener verkleiden können, Männer als Frauen, Sekretäre ihre hochgestellten Herrinnen umwerben und Prinzen sich in einfache Bäuerinnen verlieben.

Dabei obsiegt die amour-tendresse über galantes Geplänkel und v.a. gegen den amour-propre (vgl. Miething 1979: 131), so dass die Empfindsamkeit und Aufrichtigkeit der Protagonisten durch die ihnen gestellte Liebesprobe – unter erschwerten Bedingungen – unter Beweis gestellt werden kann. Die Mésalliance, also die nicht standesgemäße Verbindung eines Liebespaars, gehört aber bekanntlich auch zu den zentralen Elementen jener Kultur, die M. Bachtin als „Karnevaleske“ bezeichnet hat. Sie stellt eine hierarchische Weltanschauung auf den Kopf und erlaubt eine gewisse „fröhliche Relativität jeder Struktur und Ordnung, jeder Macht und jeder (hierarchischen) Position“ (Bachtin 1971: 139). So wird hier ebenfalls – stellvertretend an den Liebespaaren und im Namen des natürlichen, ehrlichen Gefühls – eine beginnende Destabilisierung der Gesellschaftsstruktur im Ancien Régime angedeutet, die aber zuletzt immer wieder befriedet werden muss.

In La Double Inconstance (1723) etwa gelingt die symbolische, empfindsam geschulte Verbindung des aufgeklärten Herrschers mit seinem Volk nur, weil er die Bäuerin Silvia gewaltsam ihrem Verlobten entreißt und dieser sich anderweitig den Kopf verdrehen lässt. In Le Triomphe de l’Amour (1732) stiftet Spartas Prinzessin Léonide maximale Unordnung, als sie als Mann verkleidet in eine Gemeinschaft von liebesfeindlichen Philosophen eindringt und sich dort Alte, Frauen und der von ihr begehrte Prinz – wider Willen – in sie verlieben müssen. Die Tyrannei der Liebe, die zum guten (politischen) Ende führt, wird hier unverkennbar. In Les Fausses Confidences (1737) schließlich kommt es zu guter Letzt tatsächlich zu einer standesungemäßen Verbindung, die von Dauer sein wird, wenn sich die reiche Witwe Araminte hoffnungslos in ihren Sekretär Dorante verliebt und dafür den lukrativen Antrag des comte Dorimont ausschlägt. Dabei entbirgt sich allerdings die unschöne Fratze der neuen, bürgerlichen Gesellschaft, die utilitaristisch auf sozialen Aufstieg und finanziellen Gewinn ausgerichtet ist. An den porösen Rändern der alten Ständeordnung zeigt sich so das Gewebe einer neuen, die jedoch nicht hoffen lässt, dass es tatsächlich in standesübergreifender Mesalliance um wahre Liebe geht.

Im Seminar werden wir anhand der genannten Stücke einen Einblick in das Werk Marivaux’ gewinnen und die methodologischen Kenntnisse zur Dramenanalyse vertiefen. Grundlagen des wissenschaftlichen Arbeitens werden – mit Blick auf die schriftliche Hausarbeit – intensiv besprochen und geübt.