Aktuelle Seminare

Bukolisches Pathos im Siglo de Oro (Vorlesung)

 

Die Schäferliteratur gehörte für die Leser des Siglo de Oro eindeutig zum Kanon. Was damals eine Art Bestsellergenre darstellte, wird heute allerdings in den meisten Fällen nur noch von Literaturwissenschaftlern gelesen. Das liegt nicht nur an dem für moderne Augen befremdlichen Setting in einer idealisierten Naturlandschaft, vor deren Kulisse verliebte Schäfer sich in Wort und Lied gegenseitig ihr Leid klagen. Auch die spätere Rezeption der spanischen Schäferliteratur und insbesondere ihre empfindsame Vereinnahmung in die Kultur des sentimentalen, melancholischen und individualistischen ‚Gefühls‘ haben dazu beigetragen. Von dieser Warte und Distanz aus betrachtet erscheinen sie süßlich und nachgerade larmoyant.

Dabei sind bukolische Texte von Autoren wie Juan del Encina, Garcilaso de la Vega und Jorge de Montemayor immer auf ihren konkreten politischen Kontext ausgerichtet gewesen und alles andere als dulce. Die Zentralisierung der iberischen Halbinsel von den Katholischen Königen Ferdinand und Isabella bis hin zur imperialen Ausweitung des spanischen Einflusses unter deren Enkel Karl V. und Urenkel Philipp II. werden darin durchaus kontrovers verhandelt, gerade weil ihre Autoren den Herrschenden so nahe standen: Encina widmet seine Vergilübertragung den Katholischen Königen, Garcilaso kämpft an der Seite Karls in Nordafrika, Italien und Frankreich und Montemayor begleitet Philipp nach England, wo dieser die Tochter Heinrichs VIII., Mary Tudor, ehelicht.

Auch wenn ihre Texte allesamt in das Projekt christlicher und imperialer Herrschaft verwickelt waren, sind sie dennoch nie eine unproblematische affektische Investition in die Ideologie des Goldenen Zeitalters gewesen. Encina zeigt, was es heißt, sich als Höfling der Katholischen Könige deren charismatischer Herrschaft unterwerfen zu müssen. Garcilasos Eklogen stellen unter Beweis, welche Opfer die Spanier für das Habsburgerreich erbringen mussten. Montemayor schließlich imaginiert gegen seinen realen Herrn und gran pastor Philipp die Gegenfolie einer weiblichen Idealherrschaft im fiktionalen Spielraum des Schäferromans. Anders als die Bukolik der zeitlich früheren italienischen Renaissance, der französischen Klassik des 17. oder der deutschen Idyllik des 18. Jahrhunderts ist die spanische Bukolik dabei nicht nur höchst politisch, sondern auch in einer Form pathetisch, wie es die antike Gattungsvorgabe des einfachen Stils (genus humile) gerade nicht vorsieht.

Dieses bukolische Pathos lässt sich als Freiraum einer politischen und theologischen „Opposition“ (Ross Chambers) deuten, die in Körperinszenierungen, Sprachfiguren und Handlungspathos kanalisiert wird. An die Stelle des mittelalterlichen Affektprogramms der christlichen Lehre rund um die compassio oder eine einseitige höfische Kontrolle tritt dabei zwischen 1492 und 1559 die Inszenierung einer innerweltlichen Subjektivität, deren affektische Divergenz vom imperialen Programm betont wird. Die Diskussion dieses Genres erlaubt deshalb den Anschluss an neuere Theorien zur Politik des Affekts (Jon Beasley-Murray, Sara Ahmed), zur Emotionsgeschichte (William Reddy) sowie zu Debatten über literarische Resonanz (Wai Chee Dimock). Am Ende werden wir uns fragen müssen, warum mit der gegenreformatorischen Wende Mitte des 16. Jahrhunderts und der Erfindung einer modernen, affektfeindlichen Idylle auch das bukolische Pathos obsolet wird. Barocke Autoren wie Cervantes und Lope de Vega werden Anfang des 17. Jahrhunderts im Zeichen des desengaño nur noch einen ‚ent-täuschten‘ Blick auf die bereits anachronistische Form der Bukolik zurückwerfen können.

 

Digitale Lehre:
Die Vorlesung wird den TeilnehmerInnen in Form von Audio-Podcasts auf Moodle asynchron zur Verfügung gestellt. Synchron haben Sie die Möglichkeit, jeweils zwischen 18:15 und 19:15 Uhr am Dienstag zur Zeit der Veranstaltung live über Microsoft Teams Fragen zum jeweiligen Podcast der betreffenden Woche zu stellen.

 

Lyrik lesen (Proseminar)

 

Jonathan Culler zufolge ist das „Lyrische“, das es beim Lesen eines Gedichts zu kommentieren gilt, eine poetische Tradition, weniger ein versteckter Sinn, den der Leser hermeneutisch auszugraben hat (Theory of the Lyric, 2015). Deshalb beschäftigen wir uns in diesem Seminar mit einem literarhistorischen Abriss der französischen Lyrik von den Troubadours bis zur Moderne. In Einzellektüren exemplarischer Texte sollen Entwicklungslinien und Themen in ihrer Synchronie und Diachronie besprochen werden. Dabei werden unterschiedliche methodologische Ansätze der Lyrikanalyse – und der Hermeneutik! – erprobt und diskutiert.

Das Lesen selbst – ob hermeneutisch, strukturalistisch, dekonstruktivistisch oder politisch – kommt dadurch in den Fokus. Terry Eagleton hat damit ein ganzes Buch überschrieben: How to Read a Poem (2007). Ihm zufolge ist das Lesen von Lyrik eine nachgerade vergessene Kunst. Aber nicht etwa, weil uns der dazugehörige Bildungskanon der ‚poetischen Tradition‘ verloren gegangen sei. Sondern weil in Schule und Universität heute allzu oft ein zu großes Augenmerk auf die Botschaft von lyrischen Texten gelegt würde, anstatt Sensibilität für ihre literarische Sprache, deren Ton, Pitch, Rhythmus oder Textur, zu vermitteln. Um an der Tradition des etablierten Kanons in gewisser Hinsicht ‚vorbei‘ zu lesen, werden wir gemeinsam ein besonderes Augenmerk darauf legen, in unseren Lektüresitzungen kanonisierte männliche Autoren der französischen Literaturgeschichte (z.B. Marot, Du Bellay, Hugo, Baudelaire etc.) mit weiblichen Stimmen zu konfrontieren (Labé, Salm, Prassinos, Albiach).
 

Digitale Lehre:
Aufgrund der aktuellen Situation wird der Kurs voraussichtlich digital zu den im Vorlesungsverzeichnis genannten Zeiten (jeweils donnerstags 08:30-10:00 Uhr) über Microsoft Teams durchgeführt. Auf Moodle werden bereits vor Semesterbeginn das Seminarprogramm, die Bibliographie, die Lektürematerialien und eine vorbereitende Arbeitsaufgabe für die erste Sitzung am 15.04.2021 hinterlegt.