Aktuelle Seminare

Poetik der amerikanischen Wirklichkeit: Alejo Carpentier (Hauptseminar)

 

In seinem berühmtesten poetologischen Text und Vorwort zu El reino de este mundo (1949) spricht Carpentier davon, dass ihm in Amerika auf Schritt und Tritt das Wunderbar Wirkliche (lo real maravilloso) begegne. Damit erklärt er einen ganzen Kontinent zur vitalen Wohnstatt eines poetischen Prinzips. Wie diese Begegnungen aussehen können und was sie mit lateinamerikanischen Identitätsentwürfen im 20. Jahrhundert zu tun haben, wird uns im Kurs beschäftigen.

Dazu analysieren wir neben El reino de este mundo auch die späteren Romane Los pasos perdidos (1953) und El arpa y la sombra (1979). Gerade die Neuerfindung oder Umdeutung geschichtlicher Ereignisse wie der Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus oder des Sklavenaufstandes 1791 auf Haiti bietet Anlass, Carpentiers Prinzip des Widerspruchs gegen die hegemoniale, eurozentrische Geschichtsschreibung genauer zu beleuchten. Mit Blick auf literarische Strategien wie Parodie, Metatextualität und Palimpsest werden wir die Weltentwürfe seiner Romane darüber hinaus in einen größeren Kontext kulturtheoretischer Diskussionen stellen: über Fragen wie die Entdeckung des Eigenen aus der Perspektive des Fremden, den Traum von einer unmöglichen Rückkehr zum Ursprung, Wunschbilder einer barocken Natur auf der einen und einer synkretistischen Hybridität der Kulturen auf der anderen Seite. Genauso wird aber auch zu fragen sein, inwiefern Carpentier einer Selbst-Exotisierung und Fetischisierung Lateinamerikas zuarbeitet und inwiefern aus Sicht einer „Kritik der schwarzen Vernunft“ (Achille Mbembe) seinem Entwurf der poetischen amerikanischen Wirklichkeit heute vielleicht widersprochen werden muss.

 

Geld, Glamour, Gosse: Paris in der französischen Literatur des 19. Jahrhunderts

 

Die Stadt ist – so fasst es der Kultursemiotiker Jurij Lotman auf – nicht nur metaphorisch, sie ist mythogen, ein „Generator von Kultur“ (Die Innenwelt des Denkens, Berlin: Suhrkamp 2010, S. 276). In keiner Kultur ist dies so deutlich wie im Falle der französischen, in der die Hauptstadt Paris über die Jahrhunderte ungebrochen eine produktive Imaginationsfläche für die Literatur bot. Wir beschäftigen uns im Seminar ausschnittsweise mit dem 19. Jahrhundert und analysieren anhand von Texten von der Restaurationsepoche bis in den Naturalismus hinein insbesondere, wie Geld, Liebe, Nation und Kunst im Mythos Paris verklammert werden.

Die lyrischen Visualisierungen von Menschen, Räumen und Begegnungen bei Baudelaire (Les Fleurs du Mal, 1857-68) werden uns dabei ebenso beschäftigen wie die narrative Sektion unterschiedlicher Gesellschaftsschichten bei Balzac (Le père Goriot, 1834/35). Spätestens wenn in Le Ventre de Paris (1873) von Zola die literarische Beschreibung der Konsumgesellschaft und ihres Genussimperativs schier zu explodieren scheint, wird sichtbar, warum Glamour und Gosse sich in der literarischen Stadt so nahe sein müssen und diejenigen wieder ausspucken, die sich nicht in sie integrieren lassen: Daran kristallisiert sich aus, wie eine politisch, sozial und ökonomisch zerrissene Nation mit der eigenen Identitätsstiftung in der Moderne hadert.

Zuletzt wollen wir mit der Erzählung „La Vengeance d’une femme“ (1874) von Jules Barbey D’Aurevilly den hermeneutischen Spagat zwischen Materialität der Geschichte im Text (Lyon-Caen) und dessen metaphorischer Obszönität (Foucault) wagen, um damit unterschiedliche kultursemiotische Ansätze auf ihre Brauchbarkeit für die Literaturwissenschaft hin zu überprüfen.